Das Metaversum lebt – oder die babylonische Sprachverwirrung

Man könnte fragen, wie ein Hype stirbt – nicht nur als technologische Entwicklung, sondern als Frage von Sprache und Erwartungen. Schon bevor die Medien ab 2020 begannen, das „Metaversum“ zu feiern, war der Begriff kein nüchternes Konzept, sondern ein Versprechen: die Erweiterung unseres Lebensraums durch digitale Räume. Diese sollten nicht bloß „virtuell“ sein, sondern in unseren Alltag hineinwirken, ihn durchdringen und mit ihm verflochten sein.

Auch mich überkam damals diese Sehnsucht: Städte, in denen Informationen dort erscheinen, wo sie sinnvoll sind. Räume, die sich durch digitale Ebenen selbst erklären. Smarte Infrastrukturen, die leise mit uns kommunizieren. Für mich war das weniger eine technische Prognose als ein poetisches Versprechen: dass digitale Zwischenschichten unsere Wahrnehmung ergänzen und verfeinern würden – nicht ersetzen.

Doch selbst Visionen sterben nicht einfach — sie wandeln sich, und sie werfen Schatten. (Ein Reflexionsansatz zur Sprache des Technischen.)

1. Vom Hype zum Hype-Cycle: Die Metaphorik des Scheiterns

Als Facebook sich im Herbst 2021 in Meta umbenannte, schien ein Wendepunkt erreicht. Ein einzelnes Unternehmen hatte den Mythos vom „Next Big Thing“ politisch aufgeladen und für sich vereinnahmt. Mark Zuckerberg inszenierte sich als Pionier, entschlossen, ein neues Universum zu erschaffen. Die Metapher war radikal: Aus dem sozialen Netz sollte ein soziales Universum werden,aus Nutzerinnen und Nutzern Avatare, die dauerhaft zwischen Realität und Virtualität existieren.

Dieser Anspruch verband rhetorische Überschätzung mit wirtschaftlicher Gewalt – und traf auf eine Zeit, in der viele Menschen Digitalisierung, Datenschutz und den Sinn technologischen Fortschritts zunehmend kritisch betrachteten. Schon früh brach die öffentliche Begeisterung in ironische Distanz um: Nutzer beklagten unfertige Welten, unförmige Avatare und mangelnde Relevanz gegenüber dem Altbekannten. Der Terminus „Metaverse“ wurde zunehmend als symptomatisch empfunden für eine technologische Überreichweite, die sich nicht in gesellschaftlichen Alltag übersetzte. Statt Einsicht entstanden Polemik und Spott — das Metaversum galt als unwirtlich und leer. Der Hype drang nicht durch in die soziale Praxis, und seine Sprache begann zu verfliegen.

Der Begriff „Metaverse“ wurde zunehmend als Symbol für technologische Überforderung wahrgenommen – für Ideen, die sich nicht im Alltag verankern ließen. Das Metaversum galt als leer und unzugänglich. Der Hype fand keinen Weg in die soziale Praxis, und seine Sprache verlor an Bedeutung.

2. Die Realität der Zahlen: Verluste, Nutzerzahlen und neue Prioritäten

Die wirtschaftlichen Kennzahlen spiegeln diese Kluft zwischen Vision und sozialer Akzeptanz wider. Metas Abteilung Reality Labs schrieb über mehrere Jahre Verluste in zweistelliger Milliardenhöhe. Insgesamt summierten sie sich auf über 70 Milliarden US-Dollar, während die Umsätze deutlich hinter den Erwartungen zurückblieben.

Die Plattform Horizon Worlds, gedacht als Kern des Metaversums, erreichte 2022 schätzungsweise 200.000 monatliche Nutzer. Angesichts von ursprünglich angepeilten Millionen und einer weltweiten Nutzerbasis von Milliarden auf anderen Plattformen war das nur ein winziger Bruchteil.

Daraufhin justierte Meta seine Prioritäten neu: Budgets für den Metaverse-Bereich wurden gekürzt, während Künstliche Intelligenz und Smart-Glasses-Hardware wieder stärker in den Fokus rückten. Die Zahlen zeigen keine moralische „Katastrophe“, sondern eine nüchterne Neubewertung – den Moment, in dem ein großes Narrativ auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Realität prallt.

3. Der Sprachwandel als Triumph der Praxis

Wenn das Metaversum heute noch existiert, dann nicht als monolithischer Traum, sondern als Nebeneinander von Begriffen, die unterschiedliche Vorstellungen beschreiben:

„Spatial Computing“ betont die Verbindung digitaler Inhalte mit der physischen Umgebung als neue Form von Interface und Interaktion. Apple nutzt diesen Begriff bewusst, um sich vom Schlagwort „Metaverse“ zu lösen und den Fokus auf natürliche Mensch-Computer-Beziehungen zu legen.

„Mixed Reality“ (MR) beschreibt hybride Realitäten, in denen virtuelle Inhalte in die reale Welt eingebettet werden, ohne sie vollständig zu ersetzen.

„Extended Reality“ (XR) dient als Sammelbegriff für VR, AR und MR und steht für eine erweiterte Wahrnehmung, ohne gleich eine allumfassende digitale Welt zu versprechen.

Weitere Begriffe wie „Human Co-Experience“, „Omniverse“ oder „Industrial Metaverse“ zeigen, dass die Idee weiterlebt – allerdings nicht mehr als eine große, geschlossene Welt, sondern in vielen spezialisierten und fragmentierten Anwendungsfeldern.

Aus der vermeintlichen babylonischen Sprachverwirrung wird so kein Scheitern, sondern eine Verschiebung: hin zu Begriffen, die konkreter auf reale Anwendungen und Bedürfnisse verweisen.

4. Vom Ende eines Mythos zur Transformation

In der technologischen Kulturgeschichte haben Ernüchterungen oft weniger den Tod einer Idee bedeutet als ihre Reintegration in den Alltag: So setzten sich soziale Medien trotz anfänglicher Skepsis durch, Cloud-Technologien wurden unverzichtbar, und auch Künstliche Intelligenz wird heute breit genutzt – begleitet von intensiven Debatten über Energieverbrauch, Kontrolle, Ethik und soziale Folgen.

Die Behauptung, das Metaversum sei „tot“, greift daher zu kurz. Gestorben ist nicht die Vision selbst, sondern der überhöhte Anspruch einer einzigen, unternehmensgebundenen Metaverse-Welt. Die zugrunde liegenden Technologien leben fort, verändern ihre Sprache, finden neue Begriffe und werden dort weiterentwickelt, wo sie konkreten gesellschaftlichen Nutzen stiften.

In diesem Sinn ist das Metaversum nicht gestorben — es hat nur seine Sprache verloren und neu gefunden. In einer Kultur, die phantasievoll bleibt, überlebt die Zukunft in den Metaphern, auch wenn sie nicht mehr unter ihrem ursprünglichen Namen auftreten.